Eistauchen: Unter der gefrorenen Oberfläche
Wenige Erfahrungen im Tauchen sind so radikal anders als alles Vorherige wie ein Tauchgang unter Eis. Das Licht, das durch die Eisdecke diffundiert und bläulich-weiße Muster in das Wasser wirft; die absolute Stille, die durch die Dämpfung des Eises entsteht; die lebendige Fauna unter einer Oberfläche, die von oben tot wirkt — Eistauchen verbindet extremen Umgebungsstress mit einer Schönheit, die Taucher beschreiben, als hätte man eine neue Welt entdeckt. Aber diese Welt verzeiht keine Fehler, und die Ausrüstungs- und Sicherheitsanforderungen sind proportional zur Ernsthaftigkeit der Umgebung.
Was Eistauchen von anderen Tauchgängen unterscheidet
Der fundamentale Unterschied zwischen Eistauchen und allen anderen Tauchformen ist das sogenannte Overhead-Environment: Es gibt kein direktes Auftauchen zur Oberfläche. Wenn etwas unter Wasser schiefgeht — Ausrüstungsversagen, Desorientierung, Panik — kann der Taucher nicht einfach nach oben. Er muss zurück zum Einstiegsloch, das in der Regel das einzige Loch im Eis ist. Ohne Führung ist das Finden dieses Lochs unter Stress nahezu unmöglich, besonders wenn das Eis durch Schnee oder Schlamm opak ist.
Dazu kommt die Wassertemperatur: Unter dem Gefrierpunkt des Meerwassers ist das Wasser flüssig bei etwa minus 1,8 Grad Celsius; in Süßwasserseen liegt die Temperatur im Winter zwischen null und vier Grad. Diese Temperatur fordert vom Körper und von der Ausrüstung Außerordentliches. Atemregler, die nicht für Kaltwasser ausgelegt sind, können bei solchen Temperaturen durch das Einfrieren der Membranen in den Freeflow-Modus übergehen — also unkontrolliert Gas ablassen, was das Ende des Tauchgangs und potenziell eine ernste Situation bedeutet.
Das Sicherungssystem mit Leine
Das Herzstück der Eistaucher-Sicherheit ist die Sicherungsleine. Jeder Taucher ist mit einer stabilen Leine — typischerweise acht bis zehn Millimeter Nylon oder Dyneema in geflochtener Ausführung — mit einem Sicherungsmann (Tender) an der Oberfläche verbunden. Diese Leine hat eine Doppelfunktion: Erstens ermöglicht sie dem Tender, den Taucher jederzeit zurückzuziehen, wenn etwas schiefgeht. Zweitens dient sie dem Taucher als Orientierungslinie zurück zum Einstiegsloch.
Die Leine wird mit klaren Handzeichen-Signalen genutzt: Ein Ruck bedeutet in der Regel 'Geht's dir gut?', ein Gegenruck 'Ja, mir geht es gut.' Mehrere schnelle Rücke bedeuten 'Zieh mich sofort rein.' Diese Kommunikation muss im Kurs eingeübt und von beiden Parteien beherrscht werden. Der Tender an der Oberfläche ist eine voll ausgebildete Person — kein Laie, dem man die Leine in die Hand drückt, während die anderen abtauchen.
Für Gruppen gilt das Drei-Mann-System als Standard: Taucher, Tender und Backup-Tender oder Sicherheitstaucher, der selbst ausgerüstet und bereit ist, im Notfall einzutauchen. An einem Eisloch dürfen nie mehr Taucher als Sicherungsleinen gleichzeitig unter Wasser sein.
Ausrüstungsanforderungen
Ein Trockenanzug ist beim Eistauchen keine Option, sondern Pflicht. Neopren verliert bei Kaltwasserdruck seine Isolationseigenschaften durch Kompression des Neoprenmaterials; ein Trockenanzug aus Trilaminatmaterial oder Pressluft-geschäumtem Neopren hält eine Luftschicht gegen die Haut und bietet auch in einer Stunde tauchen in Nullgradwasser ausreichenden Schutz. Darunter wird geeignete Unterwäsche getragen — von leichter Thinsulate-Unterwäsche für Gewässer um vier Grad bis hin zu schwerer Wolle-Fleece-Kombination für arktische Bedingungen.
Kaltwassertaugliche Atemregler sind für Eistaucher keine Empfehlung, sondern eine Notwendigkeit. Diese Regler verwenden spezielle Dichtungsmaterialien und manchmal ein Umgebungsluftabtausystem, das verhindert, dass kaltes Atemgas die internen Komponenten vereist. Viele Händler und Verleihfirmen, die in Eisregionen arbeiten, bieten ausschließlich solche Regler an. Wer seinen eigenen Regler mitbringt, sollte sicherstellen, dass er für Temperaturen unter vier Grad zertifiziert ist.
Handschuhe und Fäustlinge verdienen besondere Aufmerksamkeit: Bei Minustemperaturen über Wasser können nasskalte Hände beim Anziehen der Ausrüstung schnell gefühllos werden, was das Anlegen von Sicherheitssystemen erschwert. Trockene Fausthandschuhe oder integrierte Trockenanzughandschuhe sind bei echtem Arktiktauchen Standard.
Wo man Eistauchen kann
Europäische Eistaucher schätzen besonders die Seen Finnlands, Schwedens und Österreichs, wo die Eisdicke im Winter zuverlässig erreicht und lokal reguliert wird. Der Attersee in Oberösterreich bietet im Januar und Februar gelegentlich Eistauchen, wenn der Winter hart genug war. In Skandinavien organisieren Vereine regelmäßige Eistaucherfahrten auf zugefrorenen Schärenseen.
Für eine außergewöhnliche Erfahrung steht die Silfra-Spalte in Island: In Island friert das Wasser der Silfra nicht ein — die Temperatur liegt konstant bei etwa zwei bis drei Grad das ganze Jahr — aber Tauchgänge hier mit Trockentauchanzug geben einen guten Eindruck von den körperlichen Anforderungen des Extremkaltwassertauchens. Echtes Eistauchen unter dem Meereseis findet in arktischen Expeditionen in Svalbard/Spitzbergen statt, wo Teilnehmer unter Packeis auf Walrosse und Eisfische treffen.
Ausbildung: Voraussetzungen und Kursinhalt
Kein seriöser Veranstalter lässt einen unkertifizierten Taucher unter Eis. PADI, SSI und andere Agenturen bieten spezifische Eistauch-Spezialkurse an. Voraussetzung ist mindestens ein Advanced Open Water Diver oder gleichwertiges Zertifikat sowie Erfahrung mit Trockentauchanzug — für den das Dry Suit Specialty Diver-Zertifikat idealerweise vorab erworben wird.
Im Eistauchkurs lernt man den Aufbau und die Pflege der Sicherungsleine, die Signalkommunikation mit dem Tender, die Notfallprozeduren für Freeflow und Sichtbarkeitsverlust sowie das richtige Anlegen der Ausrüstung bei Kälte. Oft findet ein Kursabschnitt im Trockenen mit Rollenspielen statt, bevor man ins eiskalte Wasser steigt.
Wer Eistauchen als einmaliges Erlebnis im Rahmen einer Reise nach Skandinavien oder Kanada ausprobieren möchte, ohne einen vollständigen Kurs zu absolvieren, kann an geführten Eistauchexkursionen teilnehmen — bei denen die vollständige Ausrüstung und Sicherungsmannschaft gestellt werden und der Gast als Schüler behandelt wird. Diese Angebote haben einen de-facto-Kurscharakter mit Einweisung vor Ort.
Warum Taucher das trotzdem tun
Eistauchen ist objektiv anstrengend, teuer in der Ausrüstung und logistisch aufwendig. Warum tun Taucher es? Wer unter Eis getaucht ist, erklärt es so: Die Ruhe ist absolut. Das Licht ist unvergleichlich. Die Tierwelt — Quallen, Schnecken, Garnelen, in arktischen Gewässern Robben und Polardorsche — reagiert auf die Abwesenheit von Bootsgeräuschen und Massentourismus mit bemerkenswerter Gelassenheit. Und das Gefühl, in einer der extremsten zugänglichen Umgebungen der Erde zu tauchen, hat eine eigene Form von Stolz.
Für die Planung einer Eistaucherfahrung lohnt es sich, die interaktive Karte öffnen und nach Tauchplätzen in skandinavischen oder alpinen Regionen zu suchen — dort findet man die Gemeinden, Zentren und Seen, die in strengen Wintern zu eisgetauchten Abenteuern einladen.