Drifttauchen erklärt
Was Drifttauchen ist
Drifttauchen ist die Kunst, sich von einer Meeresströmung tragen zu lassen, anstatt gegen sie anzukämpfen. Statt Energie damit aufzuwenden, auf der Stelle zu bleiben, gleitet man mit dem Wasser, das Riff zieht an einem vorbei wie eine Filmkulisse, und der Körper kann vollständig entspannen. Die schnellsten, eindrucksvollsten und ökologisch artenreichsten Tauchgänge der Welt sind Drifttauchgänge — Layang-Layang in Malaysia, Richelieu Rock in Thailand, der Manta Point in Komodo, die Kanäle in Palau.
Gleichzeitig ist Drifttauchen das Tauchen, das am meisten Verständnis für die Logistik erfordert — und das schnell gefährlich werden kann, wenn die Grundregeln nicht beachtet werden. Ein Taucher, der in einer starken Strömung aus dem Sichtfeld des Boots geschwemmt wird und keinen Surface Marker Buoy (SMB) hat, ist in seiner Situation wesentlich gefährlicher als jemand mit schlechter Auftriebskontrolle in einem ruhigen Gewässer.
Wie Strömungen entstehen und wo sie am stärksten sind
Meeresströmungen entstehen durch verschiedene Kräfte: Tidenhübe, die das Wasser zweimal täglich durch Engen und über Riffe treiben; windgetriebene Oberflächenströmungen; thermische Strömungen, bei denen Temperaturunterschiede Wasser bewegen; und lokal durch Kanäle und Einengungen, die Wasser beschleunigen wie ein Flaschenhals.
Tidenhübe sind die vorhersagbarsten — sie folgen dem Mondrhythmus und können mit Tidenkarten und lokalen Gezeitentabellen geplant werden. Viele der besten Driftspots auf der Welt sind tideabhängig: An der Strömungsspitze — also wenn die Flut am stärksten einläuft oder ausläuft — ist das Plankton am dichtesten und die Pelagics — Haie, Manta-Rochen, Thunfische — sind am aktivsten. Das Timing dieser Fenster ist das geheime Wissen der lokalen Guides.
Strömungsgeschwindigkeiten werden in Knoten gemessen. Bis zu einem Knoten gilt eine Strömung als mild und für die meisten Taucher komfortabel. Zwei bis drei Knoten erfordern gute Kondition und Erfahrung; über drei Knoten ist selbst für kräftige Schwimmer intensiv. Manche Spots in Komodo, Indonesien, und im Tiran-Kanal im Roten Meer erreichen zur Hauptströmungsphase vier Knoten oder mehr — dort erscheinen dann Hochseehaie und Schulen von Zackenbarschartigen, die man an stillen Plätzen nie zu Gesicht bekommt.
Zu den weltweit bekanntesten Driftzielen gehören: Cozumel in Mexiko, wo der Santa-Rosa-Wall und Palancar eine nördliche Karibikströmung nutzt, die Taucher auf 18–24 Metern über lebhafte Korallenrücken schiebt; Komodo-Nationalpark in Indonesien, wo die Meerengen zwischen Rinca und Komodo Temperaturgefälle von bis zu 10 Grad Celsius erzeugen und Mantas sowie Hammerhaie anziehen; Blue Corner in Palau, wo Riffhaken (Reef Hooks) verwendet werden, um gegen die Strömung an einer Korallenwand festzumachen und das maritime Spektakel zu beobachten; Tiran-Kanal im Roten Meer zwischen Ägypten und Saudi-Arabien, mit den vier Jackson-Riffen (Woodhouse, Thomas, Steven, Gordon), die Strömungen erzeugen, die Weißspitzenhaie und Napoleon-Lippfische versammeln; und die Malediven-Kanäle (Kandoomas Thila, South Ari Atoll), wo Gezeitenkanäle zwischen Atolls gezielt zur Begegnung mit Walhaien und Mantas genutzt werden.
Equipment: SMB, Reel und Riffhaken
Das wichtigste Stück Equipment für jeden Drifttaucher ist der SMB — Surface Marker Buoy. Diese aufblasbare Signalboje, meist ein leuchtend orangefarbener oder rot-weißer Schlauch von etwa 120–180 Zentimeter Länge, wird am Ende des Tauchgangs aufgeblasen und an einer Leine (dem Reel) gehalten, bevor man aufsteigt. Das Boot kann den Taucher dadurch orten, auch wenn er hunderte Meter vom Einstiegspunkt entfernt auftaucht.
Das Aufblasen des SMB mit dem Lungenatem oder dem Oktopus während des Aufstiegs ist eine Fertigkeit, die geübt werden muss. In einer starken Strömung und bei gleichzeitig notwendiger Kontrolle von Auftrieb, Reel und Leine ist es nicht trivial. Viele Taucher üben das SMB-Deployment zuerst in ruhigem Wasser auf drei bis fünf Metern Tiefe, bevor sie es in Strömungen anwenden. Die Leine des Reels muss gespannt gehalten werden; eine schlaffe Leine verknotet sich und kann zur Gefahr werden.
Ein Reel mit mindestens 20 Metern Leine ist das zweite Grundelement. Wer auf mehr als 20 Metern taucht, nimmt ein 30-Meter-Reel. Ein Finger-Spool — ein kleineres Backup-System — empfiehlt sich als Reserve, falls das Haupt-Reel klemmt.
In strömungsreichen Gebieten, besonders an senkrechten Korallenwänden wie Blue Corner in Palau, wird ein Riffhaken (Reef Hook) eingesetzt. Das ist ein Metallhaken, der mit einem Karabiner am Jacket befestigt ist und in totes Korallensteingestein oder eine Felsspalte eingehängt wird — niemals in lebende Koralle. Der Taucher steht dann im Strömungsfluss, der Körper zieht horizontal hinter dem Haken, und man kann in Ruhe die vorbeiziehenden Pelagics beobachten, ohne auch nur eine Finne zu bewegen und ohne den Luftvorrat unnötig zu belasten.
Gasmanagement in der Strömung
Drifttauchen verbraucht unter normalen Bedingungen weniger Gas als aktives Schwimmen, weil der Körper keine Energie gegen den Wasserwiderstand aufwendet. Diese Annahme kann jedoch täuschen: Ein Taucher, der in einer unerwarteten Gegenströmung kämpft oder der versucht, einen verlorenen Buddy zu finden, kann seinen Gasvorrat erheblich schneller verbrauchen als geplant.
Die Grundregel bleibt: Das Gas wird nach der Drittelregel verwaltet — ein Drittel für den Hinweg, ein Drittel für den Rückweg, ein Drittel als Reserve. In Drifttauchgängen, bei denen der Rückweg mit dem Strom läuft und keine aktive Rückkehr zum Ausgangspunkt geplant ist, gilt dennoch eine konservativere Aufteilung: 50 Bar Mindestreserve sollten immer vorhanden sein, wenn der SMB ausgelöst wird und der kontrollierte Aufstieg beginnt.
Tiefe in Strömungen erhöht den Gasverbrauch durch den erhöhten Umgebungsdruck. Auf 30 Metern verbraucht man bei gleicher körperlicher Aktivität rund dreimal so viel Gas wie an der Oberfläche. Driftgänge in Komodo oder den Malediven finden oft auf 20–30 Metern statt; eine akkurate Verbrauchsplanung vor dem Einstieg ist keine Formalität.
Gruppenmanagement und der Negative Entry
Die größte operative Herausforderung beim Drifttauchen ist, die Gruppe zusammenzuhalten. Taucher, die auf unterschiedlichen Tiefen sind, treiben mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten — tiefer gelegene Wasserschichten sind oft langsamer. Taucher mit schlechtem horizontalem Trimm erzeugen mehr Wasserwiderstand und fallen zurück.
Die Grundregel: Alle Taucher bleiben auf derselben Tiefe; der Guide bestimmt die Tiefe; niemand prescht vor. Bei Gruppengrößen über vier Taucher empfehlen viele Guides eine zweite Linie mit zweitem SMB, sodass die Gruppe sich auf zwei Untergruppen aufteilt, die beide unabhängig geortet werden können.
Ein Negative Entry — der Negativabstieg — ist an manchen Strömungsplätzen Pflicht. Dabei springt die gesamte Gruppe innerhalb von Sekunden ins Wasser und taucht sofort ab, ohne an der Oberfläche Zeit zu verlieren, die die Strömung genutzt hätte, um die Gruppe auseinanderzutreiben. Der Negative Entry setzt voraus, dass alle Taucher beim Sprung bereits die Luft aus dem Jacket abgelassen haben und sofort finnen, sobald sie im Wasser sind. Die Technik wird im Briefing vor dem Tauchgang genau besprochen.
Der Ausstieg aus einem Drifttauchgang erfolgt am anderen Ende des Drift-Tracks. Das Boot folgt an der Oberfläche den SMBs der Taucher und holt sie der Reihe nach auf. Bei Wellengang und Wind ist das navigatorisch anspruchsvoll — ein erfahrener Bootsfahrer ist beim Drifttauchen genauso wichtig wie ein guter Guide unter Wasser.
Wann und wo man Drifttauchen lernt
Drifttauchen ist eine Spezialität, die in einem offiziellen Kurs — PADI Drift Diver Specialty oder vergleichbare Ausbildungen anderer Verbände — oder unter erfahrener lokaler Führung erlernt werden sollte. Der erste eigenständige Driftgang ohne Begleitung an einem unbekannten Platz ist keine gute Idee.
Geeignete Einsteigerdestinationen mit vorhersagbaren, nicht zu starken Strömungen sind: die Westküste Cozumels mit ihren nördlichen Driftlöchern, die auf ein bis zwei Knoten beschränkt sind und breite, hindernisfreie Revwände bieten; das Südende des Roten Meeres rund um Ras Mohammed, wo die Strömungen überschaubar sind und die Sichtweite oft über 30 Meter beträgt; und die sanfteren Kanäle der Malediven außerhalb der Hauptströmungssaison.
Für fortgeschrittene Drifttaucher sind Komodo (April–November), Blue Corner Palau (ganzjährig, aber Oktober–April am ruhigsten) und Galápagos (Ganzjahresdrift, aber Wassertemperaturen von teils unter 20 Grad erfordern guten Neopren) die Krönung — Orte, an denen Drifttauchen nicht nur ein Transportmittel durch das Wasser ist, sondern das Erlebnis selbst.
Viele Drifttauchplätze weltweit sind auf der Tauchplatzkarte markiert — die Karte zeigt, wo erfahrene lokale Operatoren tätig sind und welche Plätze für welches Erfahrungsniveau geeignet sind.
Wann man nicht driften sollte
Stärke und Richtung einer Strömung können sich innerhalb von Stunden ändern. Ein Driftspot, der morgens bei Flut sanft und einladend ist, kann bei Ebbe und auffrischendem Wind zu einem chaotischen, dreidimensionalen Wasserwirbel werden. Rip-Currents — brechwellengetriebene Rücklaufströmungen in flachem Wasser nahe Stränden — sind keine Driftströmungen, sondern gefährliche Küstenphänomene, die Taucher vom Eingang weg in offenes Meer ziehen können.
Taucher ohne SMB sollten keinen Drifttauchgang machen — es ist keine Empfehlung, es ist eine absolute Anforderung. Taucher ohne Erfahrung mit Strömungsmanagement sollten den ersten Driftgang mit einem erfahrenen lokalen Guide absolvieren und nicht als Experiment während einer Soloerkundung wagen.
Die Kombination aus Planung, Equipment und Erfahrung macht Drifttauchen zu einem der sichersten und lohnendsten Tauchstile, die es gibt. Der erste Driftgang in einer kräftigen, sauberen Strömung über einem artenreichen Riff gehört zu den Erinnerungen, die man als Taucher nie vergisst.