Kaltwassertauchen
Kaltes Wasser ist kein Hindernis
Wer Tauchen mit tropischen Riffen gleichsetzt, verpasst einen erheblichen Teil der Unterwasserwelt. Die Nordsee, Norwegen, Patagonien, die Antarktis, Neuseeland, der Puget Sound — das sind Gewässer, in denen die Sichtweite oft besser ist als in den Tropen, die Meeresbewohner vielfältiger als erwartet sind und die Strukturen — Fjorde, Wracks, Kelp-Wälder — von einer anderen Erhabenheit sind. Temperaturen zwischen zwei und 14 Grad Celsius sind kein Hindernis. Sie erfordern nur die richtige Ausrüstung und Vorbereitung.
Der erste Reflex angesichts kalten Wassers ist, mehr Neopren anzuziehen. Das funktioniert bis zu einem bestimmten Punkt. Ein gut passender 7-mm-Neoprenanzug mit Haube, Handschuhen und Socken ist in Gewässern um 10 bis 14 Grad Celsius durchaus praktikabel — für kurze bis mittlere Tauchzeiten. Darunter, oder für längere Tauchgänge, ist ein Trockenanzug die vernünftige Wahl.
Der Trockenanzug: Funktion und Lernkurve
Ein Trockenanzug isoliert den Körper nicht durch das Material selbst, sondern durch eine Schicht stehender Luft zwischen Anzug und Körper. Dieses Luftpolster ist es, das wärmt; der Anzug selbst ist ein Gehäuse. Je nach Typ und Unterziehkleidung sind Trockenanzüge bis in Gewässer deutlich unter null Grad Celsius einsetzbar — Eistaucher in Grönland oder unter dem antarktischen Schelf nutzen keine Nassanzüge mehr.
Diese Luftschicht bringt aber eine unmittelbare Konsequenz für die Auftriebskontrolle: Die Luft komprimiert sich mit der Tiefe, was den Auftrieb verringert. Beim Abtauchen muss der Taucher Luft in den Anzug einblasen, um den Druckausgleich zu kompensieren — beim Aufsteigen muss er Luft ablassen, um einen unkontrollierten Auftrieb zu verhindern. Ein Trockenanzug, der sich beim Aufstieg unkontrolliert aufbläht, kann den Taucher mit gefährlicher Geschwindigkeit nach oben katapultieren.
Deshalb schreiben alle seriösen Ausbildungsorganisationen einen eigenen Trockenanzuzkurs vor. Dieser ist kurz — oft ein bis zwei Tage — aber unerlässlich. Wer glaubt, mit Neopren-Erfahrung direkt in einen Trockenanzug springen zu können, unterschätzt, wie anders sich die Kontrolle anfühlt.
Unterziehkleidung und Wärmemanagement
Die Qualität des Wärmeschutzes hängt mehr von der Unterziehkleidung ab als vom Anzug selbst. Moderne Polartec-Unterziehanzüge, gefüllte Synthetikanzüge oder speziell für Trockenanzüge entwickelte dreilagige Systeme halten die Kerntemperatur auch in langen, kalten Tauchgängen stabil. Baumwollkleidung ist tabu — Baumwolle verliert ihre Isolationswirkung vollständig, sobald sie auch nur minimal feucht wird, was im Trockenanzug immer ein Restrisiko ist.
Die Hände sind in Kaltwasser die erste Schwachstelle. Dünne Neoprenhandschuhe erlauben noch Fingerfertigkeit; dicke Fäustlinge halten warm, machen aber das Bedienen von Ausrüstung schwieriger. Für Temperaturen unter fünf Grad empfehlen viele Taucher Trockenzylinder-Handschuhe, die in den Anzug integriert werden und eine separate Luftschicht halten.
Was Kaltwasser einzigartig macht
Die Artenvielfalt gemäßigter und kalter Meere ist erstaunlich. In norwegischen Fjorden findet man Wolf-Eels und Riesenseesterne; in Kelp-Wäldern vor British Columbia und Tasmanien schwimmt man durch dreidimensionale Strukturen aus braunem, glänzenden Seetang, die an Bambushaine erinnern. Robben spielen im Atlantik vor der schottischen Küste mit Tauchern. Unter dem Eis der Weißen See in Russland photographieren Biologen Eisskulpturen und Nacktschnecken in Farben, die keine Tropentaucherin je gesehen hat.
Wrack-Tauchen gehört zu den Stärken kalter Gewässer. Scapa Flow auf den Orkney-Inseln ist eines der weltbesten Wrack-Tauchziele: Die deutsche Hochseeflotte wurde hier 1919 von ihren eigenen Besatzungen versenkt; die Schlachtschiffe und Kreuzer liegen in 20 bis 46 Meter Tiefe, gut erhalten durch das kalte, nährstoffarme Wasser und bewachsen mit Anemonen. Die Sichtweite kann dort zehn bis 15 Meter betragen — in einem Binnensee in Deutschland wäre man mit weniger zufrieden.
Kältestress und Sicherheit
Kälte ist nicht nur unangenehm, sondern physiologisch wirksam. Hypothermie beginnt subtil: Konzentrationsverlust, Nachlassen der Fingerfertigkeit, trübes Urteilsvermögen — genau die Fähigkeiten, die man unter Wasser braucht. Gut gekleidete Taucher kühlen deutlich langsamer aus als schlecht gekleidete, aber kein Anzug verhindert die Auskühlung vollständig. Kurze Oberflächenpausen zwischen den Tauchgängen, warme Getränke an Bord und das Kennen der eigenen Grenzen sind praktische Sicherheitsmaßnahmen.
Kälte verändert auch die Ausrüstung. In Wasser um den Gefrierpunkt kann ein Regler mit freiem Ausströmen reagieren — das sogenannte Freeze-Up, bei dem der zweite Stufe durch Vereisung offen bleibt und unkontrolliert Luft abgibt. Kaltwassertaugliche Regler haben vergrößerte Trockenluft-Kammern und andere Materialien in der zweiten Stufe, die dies verhindern. Wer mit Standard-Warmwasserreglern in die Arktis geht, sollte das vorher wissen.
Einstieg ins Kaltwassertauchen
Der Trockenanzuzkurs ist der naheliegende erste Schritt. Wer den Anzug einmal beherrscht, kann auf der Karte nach Tauchplätzen suchen und feststellen, dass viele der interessantesten Gewässer direkt vor der Haustür liegen — der Bodensee, die Ostsee, die deutschen Steinbruch-Seen, die norwegische Küste.
Kaltwassertauchen erfordert etwas mehr Investition in Ausrüstung und Vorbereitung. Es bietet dafür Erlebnisse, die kein Tauchausflug nach Ägypten jemals replizieren kann — Begegnungen mit Tierwelt und Landschaft, die ihre Einzigartigkeit gerade aus der Kälte und Unzugänglichkeit ziehen.